Herr Winskowsky – Mathematiker der Nordseedeiche

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(CIS-intern) – Wie hoch muss ein Deich heute sein? Raten Sie mal! Sechs Meter? Acht Meter? Acht Meter fünfzig? Alles falsch. Und alles auch ein bisschen richtig. Wäre die Frage so einfach zu beantworten, wäre Ulrich Winskowsky längst arbeitslos.

Der Bauingenieur errechnet beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN-SH) die notwendigen Höhen der Deiche, und er weiß: „Deiche müssen nicht überall gleich hoch sein, sie müssen ausreichend hoch sein, um der Belastung standzuhalten.“

Foto: Hier wächst Futter für lange Formeln: Ulrich Winskowsky an einem Messpunkt am Nordstrander Damm. (Foto: Jörg Peters/LKN-SH)

Ob sie ausreichend hoch sind, lässt das Land alle 10 bis 15 Jahre überprüfen. Jetzt war es wieder soweit: Die Profile von 430 Kilometern Landesschutzdeich an West- und Ostküste sowie längs der Elbe wurden in 500-Meter-Schritten analysiert. Zu Fuß, mit dem Auto und aus der Luft werden dazu per GPS und Laser-Scan die tatsächlichen Höhen zentimetergenau ermittelt.

Mit diesen Daten füttert Ulrich Winskowsky dann seinen Rechner. Von den Kollegen Hydrologen bekommt er den „Referenzwasserstand“, der besagt, wie hoch das Wasser bei Sturmflut höchstens anstehen kann. Winskowsky: „Da rechnen wir mit einem Wasserstand, der statistisch gesehen nur alle 200 Jahre auftritt.“

Nun muss er herausfinden, wie hoch dann die Wellen sind und in welchem Winkel sie – je nach vorherrschender Windrichtung – auf den Deich treffen würden. Ein Worst-Case-Szenario, dass es so noch nie gegeben hat, weshalb es dazu auch keine Messdaten gibt („Naturdaten“ sagt der Ingenieur). Aber dafür gibt es ein Rechenmodell, mit dem der Seegang im Flachwasser nahe der Küste berechnet wird.

Mit seinen Eingangsdaten zum Wasserstand, dem Wind und dem Seegang auf der offenen Nordsee kann Winskowsky so einen „Referenzseegang“ für jeden einzelnen Deichabschnitt bestimmen. Ganz auf die Theorie allein verlassen sich die Küstenschützer dabei nicht, an vielen Messpunkten entlang der Küste werden Daten gesammelt, um die Modellergebnisse zu überprüfen.

Und dann kommt die Formel mit dem „q“ ins Spiel. Die Wellenüberlaufformel: Ellenlang, mit vielen Brüchen, Wurzeln und Klammern. „Hier gehen alle Daten zur Deichhöhe, Neigung der Böschung, Wasserstand und Seegang ein“, erklärt Winskowsky. Kommt heraus, dass „q>2“ ist, hat der Deich die Sicherheitsüberprüfung nicht bestanden. Der Wert besagt nämlich, wie viele Liter Wasser pro Meter Deich in der Sekunde überschwappen würden. Und das dürfen nicht mehr als zwei sein, so hat es das Land Schleswig-Holstein festgelegt.

Deichabschnitte, an denen ein größerer Wellenüberlauf errechnet wurde, kommen auf die Prioritätenliste ganz nach oben. „Sie sind vordringlich zu verstärken“, sagt Ulrich Winskowsky, „das heißt aber nicht unbedingt, dass der Deich höher werden muss. Er kann auch flacher werden.“ So einfach ist die Frage nach der Deichhöhe eben nicht zu beantworten.

Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein