Blick in die Zukunft: Nationalpark-Symposium in Tönning

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mg_6792(CIS-intern) – 1985 wurde der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer gegründet, der größte zwischen dem Nordkap und Sizilien. Für Natur und Mensch ist es eine Erfolgsgeschichte, die mit der Auszeichnung als Weltnaturerbe im Jahr 2009 einen Höhepunkt hatte. Wie soll sich der Nationalpark künftig entwickeln? Schleswig-Holsteins Umweltminister Dr. Robert Habeck hatte zusammen mit der Nationalparkverwaltung zu diesem Thema hochrangige Experten ins Multimar Wattforum nach Tönning eingeladen. Rund 200 Teilnehmer diskutierten auf einem Symposium deren Blicke in die Zukunft.

Zunächst warf Robert Habeck einen ungewohnten Blick auf das Watt: „Das Wattenmeer ist ein magischer Ort. Man wandert auf dem Meeresboden, gewaltige Vogelschwärme bilden tanzende Wolken, ihre Rufe erfüllen die Luft. Die Schlichtheit, Einsamkeit und Größe dieser Landschaft ist majestätisch. Es ist ein Ort, der Menschen berührt und verändert. Als Weltnaturerbe ist das Wattenmeer bisher unter geologischen und ökologischen Kriterien anerkannt. Ich bin der Überzeugung, dass auch die Schönheit und Erhabenheit dieser besonderen Landschaft von herausragender Bedeutung für uns Menschen ist.“

Im Bild zu sehen sind von links:
Dr. Oliver Stengel, Eberhard Brandes, Dr. Jörn Klimant, Dr. Bernd Scherer, Dr. Michael Otto, Minister Dr. Robert Habeck, Jochen Flasbarth und Dr. Detlef Hansen
Ihre Blicke richten sich „in die Zukunft“, darum schauen alle in verschiedene Richtungen in die Ferne.
Foto: Adam Schnabler

Einen besonderen Bezug zum Wattenmeer hat Jochen Flasbarth. Er leistete dort als junger Mann seinen Zivildienst als Vogelwärter. Inzwischen ist er Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Er dankte all jenen – und dabei besonders vielen unter den Anwesenden -, die sich mit Mut, Geduld und langem Atem über Jahrzehnte für die Ausweisung und Verbesserung des Wattenmeer-Schutzgebietes engagiert hatten. Er stellte heraus, dass die Wattenmeer-Nationalparke die Verantwortung Deutschlands für die weltweit größten Wattflächen und die Verpflichtungen der internationalen Konvention über die biologische Vielfalt vorbildlich erfüllten. Der Schutz der Biodiversität, das Hauptziel der Nationalparke, sei nur mit einer konsequenteren Ausweisung und Umsetzung von nutzungsfreien Kernzonen möglich. Flasbarth wies auf das im Bundesnaturschutzgesetz verankerte Ziel hin, in Nationalparken auf der überwiegenden Fläche eine ungestörte Dynamik zuzulassen.

Dr. Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group sowie Gründer und Vorsitzender der nach ihm benannten Umweltschutzstiftung, erläuterte seine Erfahrungen aus Projekten, in denen öffentliche und private Einrichtungen kooperieren. Dies könne man zwar nicht eins zu eins auf das Wattenmeer übertragen, es ließe sich aber kreativ weiterdenken. Dazu bot er der Nationalparkverwaltung an, eine Dialogveranstaltung zu organisieren. Otto: „Die Nationalparkverwaltung steht vor großen Herausforderungen. Eine Lösung gibt es nicht umsonst. Wenngleich Naturschutz Staatsaufgabe ist und bleibt, können kreative Beiträge der Wirtschaft die Verpflichtungen des Staates zum Erhalt unseres Naturerbes sinnvoll flankieren. Denn wenn alle an einem Strang ziehen, wird das Engagement Einzelner potenziert. Und es werden Kräfte freigesetzt, die einmalige Natur noch besser zu schützen und dauerhaft zu bewahren – zum Gewinn für alle.“

Eberhard Brandes, Vorstand der Geschäftsleitung des WWF Deutschland, bekräftigte, dass sich der Nationalpark in seinen fast 30 Jahren gut entwickelte. „Aber ein Nationalpark nach internationalen Kriterien ist es noch nicht: Dazu muss die Ölförderung in ihm beendet werden, dazu muss auch das Bergrecht geändert werden. Auch die Fischerei muss sich ändern, damit sich die Natur der Unterwasserwelt in großen Teilen des Nationalparks wieder frei entwickeln kann. Dann können verschwundene Arten zurückkommen und das Wattenmeer kann sich den Herausforderungen der Zukunft besser anpassen. Mit mehr Mut zum Naturschutz und mehr Bereitschaft zu echtem Dialog ist das zu schaffen“, so Brandes.

Der Geisteswissenschaftler Dr. Oliver Stengel referierte über ein Phänomen, an dem die Wissenschaft schon seit Jahrzehnten arbeitet: Menschen verfügen im Allgemein über genug Informationen, um zu wissen, dass bestimmte Handlungen negative Konsequenzen haben. Im Alltag handeln sie jedoch, als hätten sie dieses Wissen nicht. So ist hierzulande schon lange bekannt, dass Auto fahren umweltschädlich ist. Gleichwohl hat der Bestand an Kraftfahrzeugen in Deutschland Anfang 2014 ein neues Allzeithoch erreicht. Oliver Stengel stellte neue Ansätze dar, mit denen jener Graben vom Wissen zum Handeln überwunden werden soll.

Dr. Jörn Klimant, Landrat und Vorsitzender des Nationalparkkuratoriums Dithmarschen, erläuterte das gewandelte Selbstverständnis der Kuratorien: „Gestartet sind sie als Informationssammelstelle und Beratungsgremium. Mittlerweile haben sie eine neue Funktion: Sie sind Konfliktmanagementstelle, die Interessengegensätze speziell zwischen ökonomischen und ökologischen Belangen aufgreift und Lösungen einleitet.“ Klimant schloss mit der Anregung, das Rollenverständnis der Kuratorien künftig weiter zu entwickeln.

PM: Nicola Kabel, KirstenWegner | Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume